Mittendrin statt nur dabei ...

  • Wie Ihr meinem Profil entnehmen könnt komme ich aus Erftstadt. Aus traurigem Anlass zumindest nun in ganz Europa bekannt :shock


    Die letzten Tage waren der Wahnsinn schlechthin. Nachdem es am Mittwoch 7 bis 8 Stunden lang wie aus Kübeln geschüttet hatte stellten wir am frühen Abend fest, dass durch den Rahmen der Kellertüre nach draußen das Regenwasser eindrang ... der Kellerabgang war schlichtweg überflutet. Aber wir haben das Problem zum Glück noch rechtzeitig erkannt und sofort Gegenmaßnahmen eingeleitet. Nach zwei, drei Stunden war wieder alles trocken, ohne dass bleibende Schäden blieben. Inzwischen trafen die Anrufe der Mieter unserer beiden Häuser im Stadtteil Liblar ein, dass dort ebenfalls Wasser eindringt. Also schnell den Nasssauger geschnappt und von uns in Lechenich nach Liblar gefahren. Der Wassereintritt war zum Glück nicht schlimm und da es mittlerweile aufgehört hatte zu regnen war die Situation morgens um eins wieder unter Kontrolle.

    Am nächsten Morgen wollte ich auf dem direkten Weg wieder nach Liblar um dort nach dem Rechten zu schauen und die Erft schnitt mir den Weg ab:


    Im Hintergrund seht Ihr den aufstauenden Verkehr auf der A1. Die Erft ist normalerweise ein kleiner Fluss von zwei, drei Metern Breite ... und das hier war erst der Anfang.


    Anschließend kam ich über die B265 doch noch nach Liblar, wo inzwischen die Stromversorgung zusammengebrochen war; bei unseren Mietern war aber noch alles in Ordnung.

    Dann befuhr ich die B265 um nach Brühl zu kommen. Zwei Stunden später überschlugen sich die Radiomeldungen und über die B265 kam ich nicht mehr nach Hause. Von der Brücke über die B265 bei Köttingen bot sich mir dieses Bild:


    Vor gut zwei Stunden war ich da noch lang gefahren! Wir reden hier von einer vierspurigen Bundesstraße, mit Böschungen links und rechts von 5 Metern Höhe und mehr!

    Ich kam noch gut bis Liblar, schaffte es zu Fuß weiter nach Blessem, wo meine Bastelgarage steht und stellte fest, dass sie noch trocken stand - 20 Höhenzentimeter fehlten noch bis zur Einfahrt. Ich räumte alle Autoteile aus den unteren zwei Etagen der Regale aus und stapelte sie auf der Werkbank - mehr war nicht machbar. Es handelte sich bei den Teilen in den Regalen um einen Teil meines E21, der momentan auf der Hebebühne meines Karosseriebauers in Brühl steht. Dort steht er hoffentlich sicher. Zu mir nach Hause sind es von dort in Luftlinie vielleicht drei, vier Kilometer, aber der Weg war durch die Fluten versperrt. Auf dem Weg zurück zu meinem Auto nach Liblar watete ich inzwischen fast hüfthoch durch die braune Brühe, auf der dicke, bunt schillernde Schlieren vom ausgelaufenen Heizöl schwammen. Dieser Gestank war allgegenwärtig. Aber nach ca. 20 Minunten war ich wohlbehalten wieder im Trockenen am Auto angekommen.


    Inzwischen war im Großraum der Verkehr komplett zusammen gebrochen. Es gab nur noch eine Straße über die Erft, die noch frei war, zwischen Brüggen und Dirmerzheim. Für die 6 Kilometer dorthin brauchte ich ca. drei Stunden um zu sehen, dass sie ebenfalls an der tiefsten Stelle unter Wasser stand, ca. kniehoch. Aber der Verkehr floß noch: je nach Fahrtrichtung abwechselnd pflügte sich jeweils ein Fahrzeug langsam hindurch und dann der Nächste von der entgegenkommenden Richtung. Alles gesittet und ordentlich, aber es lief, wenn auch langsam. Deshalb der lange Rückstau. Nach einer gefühlten Ewigkeit war ich an der Reihe. Lief gut und durch die tiefste Stelle war ich schon durch, dann kam er: ein riesiger SUV konnte es nicht abwarten, stürzte sich ins Wasser und und kam mir mit Vollgas entgegen! Er produzierte dabei eine gut 30, 40 Zentimeter hohe Welle, die sich mir in den Motor schob ... Es tat einen Schlag und mein Motor war aus - so ein Ar...mleuchter! Also blieb mir nix anderes übrig als auszusteigen und den Wagen aus der Gefahrenzone zu schieben. Zwei supernette junge Polen, die von der gesperrten A61 her gestrandet waren, haben mir dabei geholfen. Das deutsche Volk hat nur blöd gegafft und gefeixt.

    Tja, und somit hat er sein Leben ausgehaucht, mein treuer "Günther": E46 320d Touring "Edition Exclusive" mit cooler Ausstattung aus 2005, mit sagenhaften 657 Tsd. Kilometern auf der Uhr. War nie was großes dran, lief wie ein Uhrwerk ... und dann kommt so ein Idiot!

    Meine Frau holte mich dort ab und der Tag war dann für mich gelaufen ...

    Am nächsten Tag dann die Horror-Nachrichten aus unserem Nachbarort Blessem mit der großen Abbruchkante, wo mehrere Häuser verschwunden sind. Ihr kennt die Bilder bestimmt aus den Nachrichten. Wir in Lechenich waren eingeschlossen. Nur noch die schweren Fahrzeuge von Feuerwehr, THW und Bundeswehr kamen durch. Blessem wurde evakuiert, das Gedröhne von unzähligen Hubschraubern erfüllte die Luft. Und dann die Nachrichten von der Steinbachtalsperre, die instabil wurde. Wir liegen im Flutbereich, aber auch das "normale" Flutwasser in Lechenich kam immer näher:


    Also ab in den Keller und die andere Hälfte der Teile aus meinem ausgeräumten E21 nach oben geschafft, die dort unten eingelagert waren. Seitdem sieht es bei mir im Wohnzimmer so aus:D:


    Heute hat sich die Lage wieder leicht entspannt, die Sonne schien und das Wasser ging deutlich zurück. Somit konnte ich meinen Touring per Aschleppstange wieder nach Hause schaffen und sobald die Straßen wieder frei sind kann ich ihn nach Pulheim zu meinem Stamm- und Hofschrauber bringen, um einen Wiederbelebungsversuch zu starten. Die Wahrscheinlichkeit ihn wieder zum Laufen zu bringen ist zwar sehr gering, aber wenigstens Probieren möchte ich es ... "Günther" ist zäh! :zwinker:

    Wenn die Steinbachtalsperre hält, sind wir nochmal glimpflich davongekommen. Meine Gedanken gelten all jenen, die es viel schlimmer erwischt hat, die ihr Hab und Gut und, schlimmer noch, Angehörige verloren haben.

    Lediglich wie es um meine Garage in Blessem steht vermage ich derzeit nicht zu sagen - der Ort ist evakuiert und abgeriegelt, wird von der Polizei bewacht. Leider ist das nötig, denn es gab schon erste Fälle von Plünderungen. Das ist wirklich schlimm und macht mich sprachlos und unsagbar wütend. Ansonsten gilt hier: die Rettungskräfte aus allen Teilen Deutschlands reiben sich regelrecht auf und leisten tolle Arbeit. Und es war schön zu sehen, dass die Bundeswehr tatsächlich noch schweres Gerät hat das auch funktioniert. Ohne deren Bergepanzer, Kranpanzer und schweren LKW ginge hier gar nichts mehr. Danke an all die tapferen Jungs und Mädels in blau und grün und schwarz-gelb für ihren unermüdlichen Einsatz! :good:


    Live von der Heimatfront Euer Anderl

  • ...sei froh das Du und Familie mit heiler Haut davongekommen seit. Wenn das gesamte Hab und Gut verloren ist, für mich unvorstellbar.

    Falls man dem Ort helfen kann gib hier mal Info. Du bist ja ganz nah beim Unglück.../

    Kopf hoch, und Du weißt ja...Frauen, Kinder und Tiere zuerst und danach sofort der E21


    Viel Kraft nach Erftstadt

  • Sollte ich den Inhalt meiner Bastelgarage verloren haben, werde ich Unterstützung bei der Teilebeschaffung benötigen. Aber davon gehe ich derzeit nicht aus.


    Persönlich kann man hier vor Ort nichts helfen - dann steht man nur den Profis im Weg. Wenn man helfen möchte, dann am besten über eine Spende an die Flutopfer die alles verloren haben. Die Bankverbindungen findet man im Netz, bzw. werden zur Zeit in den Nachrichtensendungen eingeblendet. Stellvertretend für diese Leute sage ich hier schon einmal "Danke" an alle hier, die einen Betrag - wie groß oder klein der auch immer sein mag - spenden. Denn letztendlich zählt die Summe und jedes bischen hilft.


    Übrigens steht in der großen Garage neben meiner Bastelgarage ebenfalls ein E21, der auf seine Restaurierung wartet. Der Besitzer hat sich schon bei mir gemeldet, ob sie noch steht. Mit Stand Donnerstag konnte ich ihn beruhigen, aber der eigentliche Hammer kam ja erst am Freitag und seitdem ist der gesamte Ort evakuiert und gesperrt. Und - ganz ehrlich - auch ein E21 ist lediglich ein Sachwert, auch wenn er heutzutage meist mit vielen Emotionen verbunden ist. Im Vergleich mit den vielen Menschen, die in unmittelbarer Nähe alles und teilweise sogar ihr eigenes Leben verloren haben, ist das nichts.

    Insofern plagen meinen Nachbarn und mich lediglich Luxusprobleme :zwinker:


    Durch solch eine Katastrophge wird man halt wieder auf den Boden der Tatsachen zurück geholt und geerdet ...

  • Genau so isses. Materielles lässt sich im Normalfall ersetzen, manches ist leider auch unwiederbringlich verloren...was zählt ist die eigene Haut, die Familie und die Menschen die einem Nahestehen.


    Trotzdem wäre ich totunglücklich wenn ich mitansehen müsste wie MEIN 323 an meinem Fenster "vorbeischwimmt", bei meiner Alltagsmöhre wäre es mir sehr egal.

  • Danke Dir für den Einblick, das ist echt unvorstellbar wie schnell das ging. Ich war beim Elbe-Hochwasser 2002 dabei aber das hier ist ganz anders.

    PS.: Ein Bekannter hat Anfang des Jahres seinen E90 320d wieder erwecken können, nachdem er bei der Wattiefe etwas zu mutig war.

  • auch von mir die besten Wünsche und falls Du Teile brauchst oder sonst was würde ich natürlich gerne helfen wenn ich kann.


    Wirklich schlimme Bilder und teilweise unvorstellbares Leid was da einigen widerfahren ist, schwer da Worte zu finden.


    Hoffe das passiert so schnell nicht wieder und es bleibt trocken bei Euch.


    Gruß und Kopf hoch

  • Sachstand: Gestern nachmittag habe ich einen kurzen Zeitraum erwischt, wo man ohne weiteres rein konnte in den Ort. Kurz danach es richtig voll geworden: Feuerwehr, THW, Sanität, Bewohner, Helfer und - leider - die unvermeidlichen Gaffer. Es ist unbeschreiblich, wie es dort aussieht. Jedenfalls war dann so viel Betrieb, dass die Polizei jetzt nur noch die Bewohner und die Hilfsdienste durchlässt.

    Die gute Nachricht: meine Garage wurde nicht nur vom Wasser verschont, sondern auch von dem Gesindel. Das hat sich offensichtlich darauf konzentriert, in die teilweise offenen Häuser einzudringen und schnell nach Wertvollem zu suchen. In den Garagen sind ja in erster Linie Autos zu finden und es wäre unmöglich gewesen, diese Beute aus dem Ort hinaus zu bekommen.

  • Sachstand: Gestern nachmittag habe ich einen kurzen Zeitraum erwischt, wo man ohne weiteres rein konnte in den Ort. Kurz danach es richtig voll geworden: Feuerwehr, THW, Sanität, Bewohner, Helfer und - leider - die unvermeidlichen Gaffer. Es ist unbeschreiblich, wie es dort aussieht. Jedenfalls war dann so viel Betrieb, dass die Polizei jetzt nur noch die Bewohner und die Hilfsdienste durchlässt.

    Die gute Nachricht: meine Garage wurde nicht nur vom Wasser verschont, sondern auch von dem Gesindel. Das hat sich offensichtlich darauf konzentriert, in die teilweise offenen Häuser einzudringen und schnell nach Wertvollem zu suchen. In den Garagen sind ja in erster Linie Autos zu finden und es wäre unmöglich gewesen, diese Beute aus dem Ort hinaus zu bekommen.

    Man muss auch mal Glück haben ...!